Synopsis

Der Film spielt in der nahen Zukunft, in einer Welt des perfektionierten Kapitalismus. Die Gesellschaft wird von einer Schicht an Leistungsträgern getragen, von fröhlich-motivierten Menschen einer lichten, freundlichen, transparenten,

perfekt funktionierenden Mittelschichtwelt; die sogenannten Minimum-Bezieher werden in Schlafburgen ruhig gestellt. Die überwältigende Mehrheit der Leistungsträger fühlt sich glücklich und selbstverwirklicht. Für den Rest von ihnen hat man eine outgesourcte Agentur installiert: Life Guidance soll auch sie zu optimalen Menschen machen.

Alexander, Mitglied der Mittelschicht, arbeitet im Finanzsektor; wie die anderen hat er das System verinnerlicht. Ein falscher Satz zu seinem Kind reicht aber aus, und Life Guidance wird eingeschaltet. Ein Agent von Life Guidance leitet ihn

an, optimal zu werden, und dringt immer weiter in sein Leben ein. Alexander beginnt sich aufzulehnen, und in aller Helligkeit und Freundlichkeit tritt ihm das Grauen des Systems entgegen.


Director’s Statement

Die Sonne scheint, Eltern haben ihre Kinder lieb, im Herbst fallen die Blätter von den Bäumen. Alles wie immer, auf den ersten Blick. Und doch führt uns Life Guidance in eine Zukunft, die unserer Gegenwart irritierend ähnlich sieht.

Unser Blick richtet sich auf das herrschende Wertesystem von morgen. Life Guidance ist eine Dystopie der Zukunft, hochgerechnet aus den Entwicklungen der Gegenwart.  

Das Grauen kommt nicht aus der Fremdheit, sondern aus der Ähnlichkeit von Life Guidance mit unserer Welt. Das Ende der menschlichen Freiheit tritt im Rahmen all dessen ein, was uns aus der Gegenwart vertraut ist: der liberalen Demokratie von heute, des Finanzkapitalismus von heute, der technokratischen Elite von heute. Die Voraussetzungen für Life Guidance sind bereits gegeben. 

Ruth Mader


LIFE GUIDANCE

Die plotline des Films ist geradlinig: In einer von einer anonymen Macht kontrollierten Gesellschaft macht sich ein Mann auf die Suche nach der Instanz, die diese Kontrolle ausübt. Vielleicht will er nur verhandeln. 

 

Am Anfang gleitet die Kamera über das Ambiente einer wohlhabenden Kleinfamilie: eine luxuriöse Wohnlandschaft, teure Möbel und elegante Kleidung – unpersönlich wie in einer ‚Schöner Wohnen’-Broschüre. Aber dann klingelt es plötzlich an der Haustür, ein Unbekannter steht uneingeladen im Wohnzimmer und bietet Hilfe für die Optimierung der Lebenseinstellung des Familienvaters an. Diese scheint den vorgeschriebenen Standards – 100 % Motivation zu Leistungsverbesserung und Anpassungsglück etc. – nicht zu genügen. Die Präsenz dieses Mannes ist eine Bedrohung, ein Übergriff auf die Rückzugszone des Privaten und erzeugt Angst. Angst ist das wirkungsmächtigste Mittel, Menschen die Fähigkeit zu nehmen, auch auf andere zu fokussieren, sich zu solidarisieren. Der Eindringling im Auftrag der Agentur Life Guidance wird wenig später nicht mehr klingeln, sondern er wird einfach da sein, allgegenwärtig, das Kontrollorgan einer totalitären Macht.

Spätestens ab jetzt bemerkt man die Risse in den makellosen Oberflächen. Was ist das überhaupt für eine Gesellschaft? Wie leben diese Menschen? Wer ist für diese schon perverse Ordnung zuständig, warum gibt es keine Spuren eines Familienlebens? Es ist auch keinerlei Kommunikationstechnologie, kein Fernsehen, Laptop oder Smartphone zu sehen. Jeglicher Informationsaustausch ist tabu, Emotionen sind tabu. Die Kamera zeigt subtile Ungereimtheiten, Indizien für irritierende Verschiebungen. Schon eine Träne ist ‚suboptimal’, der nicht beherrschbare Weinkrampf bedeutet den definitiven gesellschaft-

lichen Absturz bis zum Todesurteil. Es herrscht die völlige Isolation. 

Das System – wer oder was immer das sein mag – ist allwissend. Vielleicht sind die Menschen schon selbst das Programm geworden und bewegen sich nur noch ferngesteuert in Kulissen. Ein solcher Verdacht setzt sich fest, es finden sich genügend Belege dafür – oder nicht? Es ist nie sicher auf welcher Realitätsebene wir uns gerade befinden.

Die Herrschenden kennen die persönlichsten Sehnsüchte und Alpträume ihrer Untertanen, können sie treffsicher inszenieren und infamerweise sogar medial zurückspielen. Die Menschen wissen nicht mehr, was ihr eigenes Leben ist oder ob sie bereits in ihren Horrorvisionen gefangen sind und in ihnen ‚real’ agieren. Mit ganz banalen materiellen Belohnungen haben sie sich verführen lassen: dem größer, besser, luxuriöser der allgegenwärtigen Werbephrasen und durch das totale Abschotten gegen Unterprivilegierte –  natürlich handelt es sich um eine Klassengesellschaft.

 

 

Das ist ein hochbrisanter und politischer Film, radikal wie alle Arbeiten der Regisseurin Ruth Mader. Life Guidance basiert auf einem fiktiven Gesellschaftsentwurf. Aufwühlend wird es allerdings, wenn sich schockartig herausstellt, dass die als ‚science fiction’ präsentierten Geschehnisse sich der aktuellen Realität gefährlich nähern. Die Menschen im Film leben in einer Welt, in der der gesellschaftliche Supergau bereits stattgefunden hat – wir stehen kurz davor.  

Birgit Flos



Ich muss mich zusammenreißen.